Die 195 Plätze der Aula sind innerhalb von wenigen Stunden ausgebucht, so groß ist das Interesse der angehenden Juristinnen und Juristen am Zeitzeugengespräch mit dem Staatsanwalt des Frankfurter Auschwitzprozesses, Dr. h.c. Gerhard Wiese. An dem nasskalten Nachmittag des 19. Januars 2026 dauert es nur ein paar Wimpernschläge, bis der Zeitzeuge alle Zuhörer in den Bann seiner Erzählung gezogen hat.
Eindrucksvoll und emotional bewegend schildert Gerhard Wiese zunächst seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg, die abrupt im Alter von 15 Jahren mit seinem Einzug als Flakhelfer beendet wurde. Die letzten Kriegsmonate erlebte er als Soldat und geriet in sowjetische Gefangenschaft, aus welcher er im August 1945, weitgehend unverletzt, aber unter einer Tuberkulose leidend, entlassen wurde. Das eigentlich angestrebte Pharmaziestudium war ihm aufgrund seiner Vorerkrankung verwehrt. Wiese entschloss sich, von seinem Onkel, der Jurist war, inspiriert, zu einem Jurastudium an der Freien Universität Berlin.
Im Referendariat lernte Gerhard Wiese den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer kennen. Fritz Bauer, der wie kaum ein anderer die Aufklärung der nationalsozialistischen Verbrechen vorantrieb, beauftragte bewusst junge, nicht vorbelastete Staatsanwälte mit den Ermittlungen im Auschwitzprozess. Nachdem Georg Friedrich Vogel und Joachim Kügler ab Sommer 1959 ermittelt hatten, holte Bauer im Herbst 1962 zur Verstärkung Gerhard Wiese ins Team. Gemeinsam fertigten die drei jungen Staatsanwälte die Anklageschrift. Wiese bekam mit Rapportführer Oswald Kaduk und Wilhelm Boger, der „Bestie von Auschwitz“, zwei besonders schwergewichtige SS-Offiziere zugeteilt.
Etwas mehr als ein Jahr später begann am 20. Dezember 1963 der Auschwitzprozess zunächst im Frankfurter Römer, während sich auf dem Römerberg das Glockenspiel und der Plätzchenduft des Frankfurter Weihnachtsmarktes verbreitete. Der Prozess, dessen Verlauf Gerhard Wiese den Zuhörern so lebendig schildert, umfasste 22 Angeklagte, 360 Zeugen, davon 211 Auschwitzüberlebende, und unzählige Seiten Vernehmungsprotokolle.
Wiese berichtet den Zuhörern nicht nur von den bedrückenden Momenten im Gerichtssaal, sondern auch von Erlebnissen, die keinem Geschichtsbuch zu entnehmen sind. Vor dem geistigen Auge des Publikums entsteht das Bild von riesigen Papierbergen in den Räumen der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die händisch zu sortieren waren, indem Staatsanwälte und Sekretärinnen einen großen Tisch umrundeten und die einzelnen Blätter zu einer Anklageschrift zusammenfügten.
Als Gerhard Wiese von der Ortsbesichtigung in Auschwitz berichtet, erreicht seine Erzählung nicht nur einen beklemmenden Höhepunkt. Vielmehr entführt Wiese die Zuhörer in die Zeit des Kalten Krieges. Die Herausforderung, ein komplettes Flugzeug mit Angeklagten, Richtern, Staatsanwälten und Verwaltungsangestellten auf eine Inaugenscheinnahme in den Ostblock zu schicken, wird im Saal allgegenwärtig.
Der bedrückendste Teil des Berichtes scheint mit der Beschreibung des Konzentrationslagers Auschwitz bereits greifbar geworden zu sein. Doch wenig später, als das Publikum Fragen an Gerhard Wiese stellen darf, schildert der Zeitzeuge den wohl emotional berührendsten Moment im „Prozess seines Lebens“. Wiese gibt die Zeugenaussage des jüdischen Arztes Mauritius Berner wieder, der mit seiner Frau und seinen Zwillingen im Frühjahr 1944 genau wie weitere 400.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert worden war. Beim Verlassen des Waggons erkannte Berner einen Pharmavertreter namens Capesius, mit dem er beruflich zu tun gehabt hatte. Capesius hatte Dienst auf der „Selektionsrampe“. Berner fasste Mut, sprach Capesius auf seine Zwillingskinder an und bat darum, mit seiner Familie zusammenbleiben zu dürfen. Capesius brachte die Zwillinge zu Lagerarzt Josef Mengele, der Experimente mit eineiigen Zwillingen machte. Capesius erkannte sofort, dass die Zwillinge zweieiig waren, machte eine abwehrende Handbewegung und schickte Berners Frau sowie die Zwillinge in die Reihe der anderen Frauen und Kinder zurück. Der Zug setzte sich in Bewegung und Capesius sagte zu Berner: „Die gehen nur baden. In einer Stunde werden Sie sich wiedersehen.“ Mauritius Berner sah seine Familie nie wieder, sie wurde unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz vergast.
Nach diesem letzten Detail hätte man im Saal eine Stecknadel fallen hören können. Das Publikum ist in Wieses Erzählung gefangen, bis schließlich tosender Applaus aufbrandet. Alle Anwesenden haben eine eindrucksvolle Erzählung eines sehr nahbaren Zeitzeugen erleben und höchstpersönliche Eindrücke eines Prozessbeteiligten erfahren dürfen. Ein großer Dank an Dr. h.c. Gerhard Wiese verbunden mit dem Wunsch, dass er seine Erlebnisse noch vielen Menschen schildern wird!